30.11.2017, 10:23 — Kategorie: Verein, Spielberichte

„149,3 Millionen Euro besser als das Südwest-Sportheim“

Vereinsvorsitzender Michael Kosche im Interview über Baupläne für neue DFB-Zentrale


Wenn dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) etwas wichtig ist, scheint er weder Mühen noch Kosten zu scheuen. Am 8. Dezember 2017 soll der DFB-Bundestag die Pläne für den Neubau der  Verbandszentrale auf dem ehemaligen Rennbahngelände in Frankfurt-Niederrad verabschieden. Damit die Stimmkarten auch wirklich im Sinne des DFB-Präsidiums in die Höhe gehalten werden, wird nichts dem Zufall überlassen. Zur Überzeugungsarbeit an den Delegierten gehört auch eine Tournee quer durch Fußballdeutschland, die DFB-Chef Reinhard Grindel, einige Vertraute und Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff vergangenen Montag nach Duisburg zum „Regionaltreffen West“ führte. Südwest-Fußballerin Marilen Kosche bat ihren Vater, der an der Veranstaltung teilnehmen durfte, am Tag danach zum Interview:

Papa, was macht eigentlich ein Südwest-Vertreter beim Regionaltreffen des Westdeutschen Fußballverbands?
Gute Frage! Als Vorsitzender war ich halt eingeladen.

Na ja, unser Verein wird doch eigentlich nicht so ernst genommen …
Ja und nein. Sportlich fühlt man sich in diesen Kreisen schon etwas fremd. Es waren nur sieben Vereinsvertreter aus unserem Fußballverband Mittelrhein dabei, darunter wichtige Leute wie Fortuna-Boss Michael Schwetje und die Vorsitzenden von Bonner SC, FC Wegberg-Beeck oder Jugendsport Wenau. Mit der Kreisliga B haben die alle nichts zu tun. Südwest muss also aus anderen Gründen auf die Gästeliste gelangt sein.

Doch nicht etwa weil wir so viele Mädchen haben?
Vermutlich, weil wir einfach groß sind. 762 aktive Fußballer hat sonst kaum ein Verein. Und DFB-Schatzmeister Osnabrügge war ziemlich genau vor drei Jahren - damals noch als Vizepräsident vom Mittelrhein-Verband - zum „Vereinsdialog“ auf unseren Sportplatz gekommen. Es war ein Novum: Eine Diskussion rund um den Fußball zwischen Funktionären und der Basis. Es war ein interessanter Abend. Vielleicht sind wir Südwestler seitdem ein kleines Fähnchen auf der Landkarte des Amateurfußballs ...

Was will der DFB denn eigentlich bauen?

Seit Jahren setzt sich Oliver Bierhoff für eine „Akademie“ der Nationalmannschaften ein. Die Sache hat richtig Fahrt aufgenommen, nachdem der DFB entschieden hat, auch seine komplette Zentrale auf dem früheren Rennbahngelände unterzubringen. Die Pläne zeigen nun einen Prachtbau aus Glas und Stahl. Es wirkt von oben, als wäre ein riesiges Ufo irgendwo im Grünen gelandet.

Hört sich teuer an. Haben die nach den ganzen Skandalen überhaupt das Geld dafür?
Die DFB-Kasse scheint immer noch prall gefüllt. Obwohl das Projekt stolze 150 Millionen Euro kosten soll, muss davon nur die Hälfte über Darlehen finanziert werden. Und die späteren Mehrausgaben von 4-5 Millionen Euro pro Jahr scheint man locker stemmen zu können. Allein Adidas und Volkswagen zahlen für die Werberechte am Nationalteam ab 2019 jährlich 75-80 Millionen Euro ein - etwa fünfmal so viel wie heute.

Warum eigentlich diese Akademie?

Die Argumentation ist einfach: Die Engländer hätten sich 2012 in Mittelengland für 130 Millionen Euro ein schickes Leistungszentrum hingestellt. Und schon fünf Jahre später würden ihre Junioren-Nationalteams die wichtigsten internationalen Titel abräumen. Um also auch 2022 noch um den WM-Titel spielen zu können, müsse Deutschland kräftig aufrüsten. Der deutsche Amateurfußball - so Präsident Grindel - sei nur überlebensfähig, solange die Nationalmannschaft ganz vorne mitspiele. Und deswegen komme man an den Millionen-Investitionen gar nicht vorbei.

Und das glaubst Du auch?
Nein! Das nimmt ihm kein Vereinsvorsitzender ab. Die Fußballbasis funktionierte selbst, als wir bei der EURO 2004 in Lissabon noch in der Gruppenphase gegen eine tschechische B-Elf herausflogen. Und in Österreich, wo große Titel eher selten hingehen, wird schließlich auch in jedem Dorf begeistert gekickt …

Aber sind solche Millionen-Zahlen für die deutsche Fußballbasis nicht ziemlich ernüchternd?
Ja, es ist tatsächlich eine andere Welt, mit der wir in Duisburg konfrontiert wurden. Jeder Vorstand eines Amateurklubs verwaltet eigentlich nur den Mangel. Überall fehlt es an der sportlichen Infrastruktur und ehrenamtlichen Helfern. Nur ganz oben in der Fußballpyramide ist das anders: Profiklubs und DFB werden inzwischen mit unfassbar viel Geld überschwemmt, für das sich einfach alles kaufen lässt. Man ist an die Milliarden von Fernseh- und Sponsorgeldern ähnlich gekommen wie die Saudis ans Öl: Eine besondere Leistung stand nicht dahinter. Und deswegen wäre etwas mehr Demut „da oben“ wohl eine angemessenere Haltung.

Bitte ein bisschen konkreter ...
Ein Beispiel: Unser neues Sportheim hat 2011 etwa 700.000 Euro gekostet, 100.000 Euro davon konnten wir durch jahrelanges Sparen selbst aufbringen. Die neue DFB-Zentrale ist zwar 149,3 Millionen Euro besser, doch ob dort jeder verbaute Euro so viel Nutzen bringt wie bei uns, dürfte zumindest fraglich sein.

Kann der DFB nicht einfach einen Teil seiner hohen Einnahmen an die Amateurklubs weiterleiten?
Uns wurde erklärt, dass er das auf gar keinen Fall darf - aus steuerlichen Gründen. Aber ein Verband, der allein für die Aufklärung der dubiosen WM-Zahlungen mehr als 5 Millionen Euro an seine Rechtsberater zahlte, würde mit anderen Beratern ganz bestimmt eine intelligente Lösung finden, wenn er das will. Nehmen wir an, der DFB würde von seinen aktuellen 300 Millionen Euro Einnahmen nur ein Drittel an seine 25.000 Vereine geben. Dann kämen unten pro Jahr überall 4.000 Euro zusätzlich an, mit denen wichtige Dinge finanziert werden könnten. Das wäre mal ein Zeichen …

Fänd‘ ich auch schön. Letzte Frage: Fährst Du da denn noch einmal hin?
Eher nicht. Die vielen Verbandsleute verhalten sich total politisch. Niemand will mit der DFB-Spitze anecken. Und sobald ein Vereinsvertreter irgendetwas Kritisches äußert, springt jemand auf, hält dagegen und am Ende wird geschickt wegmoderiert. Wahrscheinlich wären diese drei Stunden Zeitaufwand in unserem Verein besser investiert gewesen.

Vielen Dank für das Gespräch!
Gerne, Marilen.


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