31.10.2018, 08:35 — Kategorie: Verein, Spielberichte

Wenn Statistik auf den Kopf gestellt wird

Erste Saisonniederlage der Fußballdamen trotz Klasseleistung gegen Vorwärts Spoho


Erstmals in der laufenden Saison musste die DJK-Elf eine Pflichtspielniederlage einstecken. In einer hochklassigen Landesliga-Begegnung zog sie gegen die zweite Garnitur von Vorwärts Spoho mit 1:2 (0:0) den Kürzeren. Dennoch war unübersehbar, dass sich das Leistungsvermögen der beiden Kontrahenten seit dem letzten Aufeinandertreffen vor einem halben Jahr verschoben hat. Südwest ist nicht länger chancenloser Sparringspartner, sondern setzt läuferisch und spielerisch neue Maßstäbe. Allenfalls in Sachen Effizienz scheinen die Müngersdorfer noch vorne zu liegen. Schon am 4. November folgt die Auswärtspartie bei FV Wiehl (15.15 Uhr).

Kahn, Calmund und Matthäus mögen für ordentliche TV-Quoten gut sein, aber nicht gerade für tiefe Erkenntnisse über das Fußballspiel. Denn diejenigen, die dessen Geheimnisse entschlüsseln können, sind längst nicht mehr „Experten“, sondern Mathematiker. In zehnjährigen Datenreihen aus der englischen Premier League beispielsweise sind den tatsächlichen Treffer die statistisch zu erwartenden Treffer gegenübergestellt worden. Erwartete Tore? Ja, die neue Kennzahl „xG“ gibt die Wahrscheinlichkeit an, mit der ein Schuss von einer bestimmten Feldposition aus im Netz landet. Riesige Datenmengen sind ausgewertet worden, so dass sich über die 7.350 Quadratmeter große Spielfläche ein statistisches Gitternetz legen lässt, das für jedes einzelne Segment einen Prozentwert zeigt. Einfach gesagt: Je geringer die Entfernung des Schützen zum Gehäuse und je zentraler seine Schussposition, desto höher die Torausbeute. Erstaunliche 38,7% beträgt diese nach den ausgewerteten Daten innerhalb des Sechzehners, außerhalb dagegen nur 3,6%. Beim Angriff sollte es also vorrangig darum gehen, irgendwie in die Box zu gelangen - normalerweise jedenfalls. Dass selbst die Mathematik manchmal auf den Kopf gestellt werden kann, zeigte die Partie der DJK-Damen am Sonntagnachmittag.

Dem Südwest-Trainerduo war nicht entgangen, dass Vorwärts Spoho erst acht Tore in der Liga erzielt hatte. Es wusste auch, dass das Team in fünf Begegnungen erst vier Treffer kassiert hatte. Gegen eine starke Abwehr waren damit spielerische Lösungen gefragt, was sich auch in der Anfangsformation der Klettenberger niederschlug. Doch die ersten Akzente setzten die Gäste. Sarah Sperger verlängerte geschickt in die Spitze, wo Jasmin Mandalka an der Strafraumgrenze von Torfrau Ines Loll gefoult wurde. Ein Fehlstart drohte Südwest, doch Ines wehrte den unplazierten Elfmeter von Kirsty Koch ab (8. Minute). Das Geschehen konzentrierte sich nun auf die Mittelzone, wo der Ball häufig wechselte. Mehrmals endeten die Angriffe mit dem Abseitspfiff des guten Schiedsrichters Detlef Erberich. Erst nach einer Viertelstunde kamen die Rot-Schwarzen über eine gelungene Kombination in Tornähe. Wenig später steckte Marilen Kosche halblinks durch für Charlotte Patzne, deren Schuss aus spitzem Winkel nur knapp am Pfosten vorbeistrich (21.).

Früh wurde den Zuschauern klar, dass sie Zeuge einer besonderen Vorstellung waren. Beide Teams schalteten bei eigener Balleroberung sofort auf Offensive, um jede Unsortiertheit des Gegners auszunutzen. Torszenen waren selten, weil die Defensiven sehr aufmerksam waren. Wie Paulina Verspohl, die nach einem hohen Diagonalschlag in ihren Rücken einen 30-Meter-Sprint anzog, um Spoho-Stürmerin Jasmin Mandalka im letzten Moment abzufangen (24.). Kurz darauf war es Sarah Sperger, die nach einem Ausrutscher ihrer Bewacherin aus 16 Metern abziehen konnte (28.). Dann lag den Rot-Schwarzen die Führung plötzlich auf dem Fuß: Bernadette Ellmer hatte zwischen den Innenverteidigern hindurch Charlotte Ufer bedient, deren Schuss von Keeperin Anna Himmelberg an der Strafraumgrenze abgewehrt wurde. Den leeren Kasten vor Augen traf Charlotte im zweiten Versuch allerdings nur den Pfosten (31.). Südwest hatte jetzt klare Vorteile, doch zwingende Chancen waren Mangelware. Kurz vor der Pause sorgte die auffällige Sarah Sperger aus 20 Metern noch einmal für Gefahr (45.+1).

Kaum mehr als 5% dürfte die Wahrscheinlichkeit betragen, zentral aus 25 Metern einen Treffer zu erzielen - selbst im Frauenfußball. Doch die eingewechselte Alina Bongen widerlegte die Statistik mit der ersten Ballberührung. Ein Sonntagsschuss, der im hohen Bogen über die Fäuste von Ines hinweg ins Netz segelte (49.). Beeindruckt zeigten sich die Rot-Schwarzen durch den Rückstand freilich nicht. Es folgten ihre stärksten 30 Minuten. Nach einer Freistoßfinte von Mareike Schröer wurde Chiara Minassos stramme Flanke parallel zu Torlinie nur mit Mühe geklärt (51.). Pauline Fey brachte jetzt neuen Schwung über den rechten Flügel, doch mit ihrer Vorarbeit konnten Charli und Charlotte in zentraler Position nichts anfangen (58., 60.). Dann marschierte Marilen freigespielt von Chiara über links in den Sechzehner und schlenzte die Kugel zum 1:1 in die lange Ecke (63.). Südwest ging mittlerweile ein enormes Tempo, doch die Spoho-Elf hielt mit. Ihrer Laufbereitschaft und etwas Glück verdankten die Grünen, dass sie den Sturmwirbel von Pauline, Chiara, Charlotte und Charli unbeschadet überstanden (65. 66., 73., 76., 80.).

Die Rot-Schwarzen waren da, wo man Tore machen kann: im gegnerischen Sechzehner. Doch sie taten sich schwer. Alles andere als ein Sieg schien in dieser Phase zu wenig, so dass sie bewusst ins Risiko gingen. Und das schien richtig, denn nur ein einziges Mal waren die Gäste mit einem von Ines entschärften 18-Meter-Schuss wirklich gefährlich (Sarah Sperger, 81.). Dann wurde die Statistik vollends widerlegt: Im rechten Strafraumeck verteidigte Südwest etwas zu halbherzig. Ärgerlich zwar, aber an dieser Stelle des Spielfelds normalerweise kein größeres Problem. Doch Lena Tacke nahm im Gewühl einfach Maß und traf mit einem Bogenschuss aus 13 Metern genau unter die Latte (89.). Ein Schock für die Klettenberger! Berauscht von ihrem Schussglück brachten die Gäste die Führung in den letzten Minuten über die Runden. Die DJK-Elf darf sich damit trösten, dass nur in ganz wenigen Spielen die zu erwartenden Treffer ausbleiben und die unerwarteten fallen.

Unsere Südwest-Elf: Ines Loll - Paulina Verspohl, Melanie Paul (90. Hannah Meyer), Antonia Bexen, Helena Hort - Charlotte Ufer, Marilen Kosche, Mareike Schröer (85. Cara Hegeler), Chiara Minasso, Charlotte Patzner - Bernadette Ellmer (55. Pauline Fey).


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